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Leben an der Grenze - Das BücherArsenal in Kyjiw 2024



Die Tore zum Mystezkyj Arsenal gegenüber dem Lawra in Kyjiw sollten sich eigentlich um 10 Uhr öffnen. Doch noch stehen die Menschen in einer stetig länger werdenden Schlange vor dem Eingang. Sicherheitsschleusen stehen bereit. Warum es stockt, bleibt offen. Auf die Stimmung hat das Warten keinen Einfluss. Die Menschen scherzen miteinander, sprechen über die Veranstaltungen, die sie unbedingt besuchen wollen auf dem BücherArsenal, der größten Buchmesse der Ukraine, die vier Tage lang, vom 30. Mai bis zum 2. Juni, zu einem großen Bücherfest geladen hat. Vor uns in der Reihe wendet sich eine Frau zu uns um. Sie spricht uns auf Deutsch an, freut sich, dass wir angereist sind, erzählt, dass ihre Tochter heute aus ihrem neuen Buch lesen wird. Sie ist herzlich, zugewandt, interessiert wie so viele Menschen, denen wir in Kyjiw begegnen.


Bis zum Jahr 2019 war das BücherArsenal das große Frühjahrsereignis des ukrainischen Buchmarktes. Erst 2011 gegründet, hatte es sich neben dem BuchForum in Lwiw als fest Größe etabliert. Dann kam Corona, dann kam die russische Invasion. Im Jahr 2023 unternahmen die Organisator:innen um die Direktorin der Messe, die nimmermüde Yulia Kozlovets, einen ersten trotzigen Versuch, die Messe wieder zu beleben. Nun, im schon dritten Jahr der Verteidigung gegen den russischen Angriff, soll es wieder eine große, eine richtige Messe sein – trotz der widrigen Umstände.

         

»Leben an der Grenze« wurde als Motto für die Messe gewählt. Und die Grenzen sind vielfach. Es ist zum einen die Grenze zur Erschöpfung, wenn jede Nacht die erhoffte Ruhe durch Luftangriffsalarm unterbrochen wird. Es ist die Grenze der Leistungsfähigkeit, symbolisiert durch dutzende Dieselgeneratoren, die bereitstehen für einen Stromausfall, wie er die Menschen in der Ukraine inzwischen täglich in ihrem Alltag quält. Es sind die Grenzen des Landes, die verteidigt werden, gegen deren Verschiebung sich jeden Tag Menschen unter Einsatz ihres Lebens stemmen. Und es sind die Grenzen, hinter denen Menschen verschwunden sind, um deren Sichtbarmachung auch die Buchmesse nun ringt.

     

     

»Verlust« ist ein weiteres großes Thema auf der Messe. Eine Installation inmitten der Verlagsstände präsentiert Bücher, die eigentlich auf der Messe ausgestellt und verkauft werden sollten, die aber nun beschädigt und zerstört sind durch einen russischen Raketenangriff auf die Druckerei Faktor-Druk in Charkiw wenige Tage vor Beginn der Messe. Dieser Angriff kostete nicht nur sieben Menschen das Leben. Er war auch eine Attacke auf einen Lebensnerv des ukrainischen Buchmarktes. Das stolze Charkiw ist das unbestrittene Zentrum der Buchherstellung in der Ukraine. Faktor-Druk allein verantwortet mit seiner modernen Anlage mehr als ein Drittel der jährlichen Buchproduktion. Aber auch auf diesen Angriff reagieren die Menschen hier mit Trotz und Solidarität.


Schwerer fällt dies bei den Verlusten an Menschen. Die Liste auch der Autorinnen und Autoren, die Opfer des russischen Terrorkriegs geworden sind, wird länger. Die zunehmende Zahl an Menschen, denen der russische Krieg die Gesundheit genommen hat, lässt sich auch am Publikum des BücherArsenals ablesen.



Und doch wird die Buchmesse zu einem Fest des Lesens – und des Lebens. Über 100 Aussteller haben sich in den weitläufigen Hallen des Arsenals verteilt. Insgesamt 160 Veranstaltungen sind während der vier Messetage auf den verschiedenen Bühnen zu erleben, zusammengestellt von der Kuratorin Oksana Karpiuk und ihrem Team. Und die mehr als 35.000 Besucherinnen und Besucher der Messe nutzen das Angebot.


Wir treffen unsere freundliche Begleiterin vom Eingang wieder, dieses Mal mit ihrer Tochter Marusja Schtscherbyna. Die junge Frau, gerade 18 Jahre alt geworden, hat bereits ihren zweiten Roman präsentiert, erschienen im renommierten Verlag Alter Löwe aus Lwiw. „Yara“ heißt das Buch. Es erzählt von einer 17jährigen Teenagerin, die vom Krieg gezwungen wird, ihre Heimatstadt zu verlassen und nun in einer kleinen grauen Stadt lebt, in jedem Sinne weit weg von ihrem bisherigen Leben. Die junge Frau muss lernen, mit ihrer neuen Realität klarzukommen, ihr neues Leben anzunehmen. Sie wird es schaffen, natürlich. Denn was die Menschen in der Ukraine zu Recht auf die eigene Zukunft hoffen lässt, ist diese bewundernswerte Resilienz, die Solidarität untereinander und dieser unbedingte Wille, die eigene kulturelle Identität zu verteidigen und zu entfalten.

Und so steht das alte Kyjiwer Arsenal, dieser monumentale Bau aus dem frühen 19. Jahrhundert, auch selbst als eine wunderbare Metapher für die mögliche Zukunft der Ukraine. An dem Ort, wo einst Munition hergestellt und Kanonen gelagert wurden, wo die russisch-bolschewistische Invasion im Jahr 1918 zum finalen Schlag gegen die junge demokratische Ukraine ansetzte, werden heute Kunstwerke präsentiert, wird über ukrainische Kultur diskutiert – und über Bücher.   


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