Edition Europastraße
Kommen Sie mit uns auf eine literarische Reise entlang der Europastraße E40. Die mit 8.000 Kilometern längste aller Europastraßen führt von Calais in Frankreich bis in den Osten Kasachstans.
In unserer Edition Europastraße veröffentlichen wir die Werke von (ausschließlich) Schriftstellerinnen aus den Ländern, die durch diese Straße verbunden werden.
Russland umfahren wir, nehmen stattdessen einen Umweg durch den Kaukasus.
In jedem Fall finden Sie in unserer Reihe Romane, die in oder für ihren jeweiligen Herkunftsländern eine besondere Bedeutung erlangt haben.
Band 8 – Belarus
Yulia Artsiomava: Ich bin die Revolution
aus dem Russischen übersetzt von Jakob Wunderwald

504 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
26,00 Euro
»Wenn sie keine Revolution wollen, warum verlegen sie dann auf ihren Plätzen Pflastersteine?« Darja fotografiert die Revolution. Auf dem Majdan in Kyjiw ist sie mittendrin. Es drängt sie weiter nach Moskau. Doch anstatt das nächste ikonische Foto zu schießen, versinkt sie dort mit Kostja, Phil und dem unberechenbaren Rest einer Moskauer Hausgemeinschaft in einer Welt aus Rauch, Musik, politischen Debatten und flüchtigen Allianzen. »Ich bin die Revolution« entstand im Jahr 2019 – vor der großen Protestbewegung in Belarus. Der Roman ist wie eine Zeitkapsel, die das Brodeln einfängt, das einer jeden Revolution vorausgeht. Die Entscheidungen zur Revolte sind dann auch weniger politisch als existenziell. Und so schreibt Yulia Artsiomava statt über den Aufruhr eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Freundschaft und Liebe. Denn selbst wenn die Revolution – endlich – vor dem Fenster aufzieht, sind wir doch immer auch damit beschäftigt, unser eigenes Leben zu führen. »Я и есть революция« / »Ich bin die Revolution« ist eine sehr ehrliche, sehr weibliche und auf eine gute Art böse Geschichte über Revolutionen und Liebe, über Brüderlichkeit und Schwesternschaft, über sich auflösende Illusionen und das Erwachsenwerden als Entscheidung.
Yulia Artsiomava ist eine belarusische Schriftstellerin. Sie studierte nach einem Abschluss am Belarussischen Kollegium Rechtswissenschaften an der Belarussischen Staatlichen Universität in Minsk. Yulia Artsiomava emigrierte 2021 in die Ukraine und lebt derzeit in Polen.
Band 7 – Ukraine
Victoria Amelina: Ein Zuhause für Dom
aus dem Ukrainischen übersetzt von Jutta Lindekugel

504 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
26,00 Euro
Der Roman erzählt die Geschichte einer Familie im ukrainischen Lwiw. Sie erlebt hier den Zerfall der Sowjetunion und die wilden 1990er. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines Hundes, des Pudels Dominik (Dom), der zusammen mit sechs Menschen einer Familie in einer heruntergekommenen Altbauwohnung lebt. Es sind die Mitglieder einer typischen Sowjetfamilie, die hier die Umbrüche durchzustehen versuchen: Ein pensionierter Oberst der sowjetischen Luftwaffe, Ivan Zilyk der aus der Ostukraine stammt und als Kind den Holodomor überlebte; seine aus Aserbaidschan stammenden Ehefrau, deren Töchter Olja und Tamara, beide geschieden, mit ihren Töchtern Marusja und Mascha. Die Figur des Oberst Zilyk verkörpert einen Typus, der bisher fast nirgends in der ukrainischen Literatur auftauchte: der überlebende Großvater, der Zeuge all der Gewalt des 20. Jahrhundert wurde und zwischen Opfer und Täter wechselte. Es ist eine große Erzählung über Geschichte(n), Veränderungen, über Anpassungen, über Heimat und Zuhause, über Ankommen und Weggehen. Der Roman zeichnet vor allem ein vielschichtiges Panorama weiblicher Figuren. Die Männer – jedenfalls der Familie – sind fast alle unsichtbar. Diese geschlechtsspezifische Asymmetrie ist aber kein Kunstgriff, sondern soll die soziale Realität spiegeln. Die Frauen sichern den Lebensunterhalt, versorgen die Kinder und organisieren das familiäre Überleben in prekären Verhältnissen. Victoria Amelina zeigt auch, wie private Lebensentwürfe von historischen und ökonomischen Machtverhältnissen beeinflusst und durchzogen sind. Und dass es gerade die Frauen sind, die in familiärer und gesellschaftlicher Beziehung für Stabilität sorgen. Hervorzuheben ist auch die Qualität der Übersetzung von Jutta Lindekugel, der es gelingt, den feinen Humor des Originals und seinen Rhythmus in die deutsche Sprache zu übertragen.
Victoria Amelina (1986 - 2023) ist in Lwiw aufgewachsen, mit ihrem Vater nach Kanada immigriert und als junge Erwachsene in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie hat Informatik studiert, in der IT-Branche erfolgreich gearbeitet. Die vielversprechenden Berufsperspektiven gab sie auf, um Schriftstellerin zu sein. Zwischen 2014 und 2022 verfasste sie zwei Romane und Kinderbücher. Mit Beginn der russischen Vollinvasion schloss sie sich der Menschenrechtsorganisation Truth Sound an und dokumentierte fortan russische Kriegsverbrechen. Im September 2022 barg sie das Tagebuch des von russischen Soldaten ermordeten Kinderbuchautors Volodymyr Vakulenko im Garten seines Hauses, kurz nachdem das Gebiet durch die Streitkräfte der Ukraine befreit worden war. Victoria Amelina starb am 1. Juli 2023 an den Folgen der schweren Verletzungen, die sie bei einem russischen Raketenangriff auf ein Restaurant in Kramatorsk erlitt.
Band 6 – Ukraine
Tamara Duda: Donezk Girl
aus dem Ukrainischen übersetzt von Annegret Becker, Lukas Joura und Alexander Kratochvil

364 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
24,00 Euro
Donezk im Frühjahr 2014. Eine junge Frau, Elfe genannt, kam als junges Mädchen aus Wolhynien in den Donbas, um fortan bei ihrer Großmutter zu leben. Hier behauptet sie sich gegen einen grauen Alltag, baut sie sich eine Existenz als Glasgestalterin und erfolgreiche Unternehmerin auf - gegen alle Widerstände. Doch dann tauchen bewaffnete Männer auf, kommen russische Soldaten, erst verdeckt, dann offen. Elfe beginnt, sich gegen die Invasion, die ihr alles zu nehmen droht, zu wehren. Tamara Duda beschreibt in ihrem Roman aus eigenem Erleben, wie sich Donezk im Jahr 2014 zunächst unmerklich, dann immer unwiderruflicher veränderte. Wie Menschen, Häuser und ganze Stadtteile zerstört werden, wie Plünderung und Gewalt alltäglich wurden, wie russischen Besatzer immer weiter vordrangen und wie sich die Einheimischen dazu verhielten. Der Roman »Töchterchen« wurde in der Ukraine mit seinem Erscheinen im Jahr 2019 sofort ein Bestseller und auf Anhieb zum »BBC Book of the year« gewählt. Nie zuvor wurden die Ereignisse des Jahres 2014 im Osten der Ukraine, die erste Phase der russischen Invasion, so ehrlich, so authentisch, so ergreifend und noch dazu aus der Perspektive einer Frau erzählt. Dabei beruht alles Erzählte auf tatsächlichen Geschehnissen. Wie ein Film zieht die Handlung an den Leserinnen und Lesern vorbei, voller Spannung und Tempo. Kaum bleibt Zeit, durchzuatmen. Das Buch ist schon heute ein Klassiker der (Anti-)kriegsliteratur. Eine unbedingte Leseempfehlung.
Collapsible text is great for longer section titles and descriptions. It gives people access to all the info they need, while keeping your layout clean. Link your text to anything, or set your text box to expand on click. Write your text here...
Band 5 – Belgien
Ann De Craemer: Kopfsturmtage
aus dem Flämischen übersetzt von Lotte Hammond

184 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
22,00 Euro
»Das Ende der Geschichte ist vorhersehbar: Ich schreibe, also lebe ich.« Wie unvermittelt das eigene Leben aus der Bahn geraten kann, davon erzählt Ann De Craemer in ihrem autobiografischen Bericht »Kopfsturmtage«. Es ist die Geschichte ihrer Erkankung an einer Depression, die an einem sonnigen Maitag plötzlich über sie herein brach und ihr bisheriges Leben zum Stillstand brachte. Ann De Craemer berichtet ehrlich und offen von der Last, die fortan auf ihr lag, von der Leere, der Antriebslosigkeit und dem fehlenden Lebensmut. Es ist eine poetische Beschreibung des langen Wegs zurück in das Leben, eine ebenso ehrliche wie schonungslose Selbstbeobachtung. Und es ist auch ein Buch über das Leben selbst, über das kleine Glück und das Glück im Kleinen.
Ann De Craemer (Jahrgang 1981) studierte Germanistik und erwarb anschließend einen Master-Abschluss in Amerikanistik. Sie debütierte als Autorin im Jahr 2010 mit dem Buch »Duizend-en-één dromen. Een reis langs de Trans-Iraanse Spoorlijn«, für das sie eine Nominierung zum VPRO Bob-den-Uyl-Preis für Reiseliteratur erhielt. In ihrem 2011 erschienenen Prosadebüt »Vurige tong« erzählt sie die Geschichte ihrer katholischen Kindheit in Tielt, Westflandern. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin schreibt Ann De Craemer regelmäßig Kolumnen für Zeitungen und Magazine. So war sie u. a. tätig für die Zeitung »De Morgen« und die Monatszeitschrift »Onze Taal« und schreibt für die Tageszeitung »Het Laatste Nieuws«. Ann De Craemer lebt und arbeitet in Tielt.
Band 4 – Georgien
Magda Kalandadse: Das zweite Zimmer
aus dem Georgischen übersetzt von Rachel Gratzfeld

160 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
22,00 Euro
Elene lebt in Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. Und Elene liebt eine Frau. Doch das soll niemand wissen, denn in der homophoben georgischen Gesellschaft ist das auch heute noch gefährlich. Darum lebt Elene allein in der großen Wohnung, die ihr Ex-Mann ihr überließ. Sie teilt sich ihre Tage mit den mühsam in Schach gehaltenen Schatten ihrer Vergangenheit und lebt ihr eigenbrötlerisches Leben als Übersetzerin und Lektorin. Gelegentliche Besuche ihrer Freundin, stets heimlich ausgeführt, stellen die größte Abwechslung in ihrem eintönigen Alltag dar. Nichts scheint dieses stille Leben aus dem Gleichgewicht bringen zu können. Bis Elene aus finanziellen Gründen gezwungen ist, das zweite Schlafzimmer ihrer Wohnung unterzuvermieten. Als neue Mieterin zieht Lena bei ihr ein, eine junge Frau - und LGBTQ-Aktivistin. Fortan wird Lena mit ihrer Lebendigkeit Elenes Aufmerksamkeit und Energie beanspruchen. Denn jedes ausgesprochene Wort, jeder Schritt den Elene auf Lena zu geht, fordert äußerste Vorsicht in einer Gesellschaft, in der Intoleranz und Gewalt allzu oft straffrei bleiben. Warum also sollte Elene aus dem Halbdunkel ihrer verborgenen Existenz heraustreten? In ihrem Debütroman gelingt der georgischen Autorin und LGTBQ-Aktivistin Magda Kalandadse ein großartiges Kammerspiel über ein Coming Out. Sie schafft eine Atmosphäre, in der die Leser:innen hineintreten in ein Dreiecksverhältnis, wenn Elene ihre Mitbewohnerin Lena beobachtet und die Leser:innen Elene genau dabei zusehen. Die Sprache im Romanist lebensweltlich, direkt und schnörkellos, ganz sicher auch ein Verdienst der Übersetzerin Rachel Gratzfeld, die das Werk aus dem Georgischen ins Deutsche übertrug. Die Covergestaltung übernahm die Züricher Künstlerin Andrea Vollgas (www.vollgas.studio)
Magda Kalandadse ist Autorin, Übersetzerin und Aktivistin. Seit 2012 engagiert sie sich für queere und feministische Anliegen; zahlreiche Kampagnen und Kundgebungen fanden unter ihrer Federführung statt. Sie studierte Journalismus, Kommunikations-, Medien- und Politikwissenschaften. Magda Kalandadse arbeitete in der Redaktion verschiedener wissenschaftlicher und politischer Publikationen und übersetzt aus dem Englischen, Deutschen und Russischen.
Band 3 – Ukraine
Olena Sachartschenko: Kämpferinnen
aus dem Ukrainischen übersetzt von Jutta Lindekugel

352 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
24,00 Euro
Mittwoch, 19. Februar 2014. Seit Wochen wird auf dem Majdan im Herzen Kyjiws demonstriert. Die Proteste haben in den letzten Tagen noch einmal Zulauf erhalten. Das Regime unter dem korrupten Präsidenten Wiktor Janukowytsch reagiert mit enthemmter Gewalt. Doch Katja will heute nicht auf den Majdan. Sie möchte ihren Sohn Danylo von der Schule im Zentrum der Stadt abholen, ihn in Sicherheit bringen. Aber noch bevor sie die Schule erreicht, gerät sie mitten hinein in die Woge aus Protest und Gewalt, wird von ihr mitgerissen und verliert den Kontakt zu ihrem Sohn. Es beginnt eine verzweifelte Suche auf und unter dem Majdan in dieser Nacht, in der sich das Schicksal der Ukraine durch einen Paukenschlag entscheiden wird. Olena Sachartschenko erzählt den Euromajdan konsequent aus Perspektive der Frauen. Sie erzählt von einem Kyjiw, das Gäste der Stadt nur selten zu sehen bekommen, vom Erbe der Sowjetzeit, das zuweilen bleischwer auf der ukrainischen Gesellschaft lastet und von Kämpferinnen, die mitbestimmen wollen, wenn es um die Zukunft der Ukraine geht – und um ihre eigene Zukunft.
Olena Sachartschenko studierte Mathematik und arbeitet als Mathematikerin und auch Journalistin. Seit 1998 veröffentlicht sie Novellen, Romane und Kinderbücher. Olena Sachartschenko lebt und arbeitet in Kyjiw.
Band 2 – Ukraine
Olena Stjaschkina: Der Tod des Löwen Cecil ergab Sinn
aus dem Ukrainischen übersetzt von Jakob Wunderwald

296 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
24,00 Euro
Am 16. April 1986 werden auf einer Entbindungsstation in Donezk zwei Jungen und zwei Mädchen geboren. Hans Fink, Kommunist und Ukrainer mit deutschen Wurzeln, will einem der Neugeborenen mit deutschen Vorfahren den Namen Ernst Thälmann geben: zum Andenken an den Führer der KPD, vor allem aber, um dem Jungen sein eigenes Schicksal, ewig als Nazi verleumdet zu werden, zu ersparen. Den Eltern werden eine Wohnung, ein Auto und ein Teppich versprochen. Die örtliche Presse ist informiert. Aber die Dinge gestalten sich komplizierter als erwartet. Über drei Jahrzehnte begleitet Olena Stjaschkina in ihrem Roman die Menschen, die an diesem Apriltag 1986 in Donezk schicksalhaft zusammengeführt werden. Mosaikartig setzt sich ein Bild der Veränderungen in Donezk zusammen, vom Ende der Sowjetunion bis in das zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Es ist ein Roman über Identität: deutsch, polnisch, ukrainisch, russisch. Mit einer präzisen Sprache entfaltet sich ein Verständnis für die Region im Osten der Ukraine, die von vielfältigen kulturellen Einflüssen geprägt ist aber auch von den Wunden des sowjetrussischen Imperialismus. Das Jahr 2014, der russische Invasion, wird im Roman zur Zäsur, auch sprachlich. Der Roman, der im Original in russischer Sprache beginnt, wechselt an dieser Stelle in das Ukrainisch. Mit ihrem Roman wird Olena Stjaschkina zu einer wichtigen Stimmen, die uns hilft, die Kultur der als Donbas bezeichneten Region verstehen zu lernen und der russischen Kriegspropaganda zu widerstehen. Donezk gehört zu Ukraine. Sprache ist kein ausreichender Indikator für eine Zuordnung zu einem bestimmten Staat. Und nicht jeder, der im Alltag Russisch spricht, will Russin oder Russe sein. Auch das lernen wir in diesem Roman.
Olena Stjaschkina hat Geschichte an der Staatlichen Universität Donezk studiert. Nach ihrer Promotion 1996 zum Thema der Doktorarbeit: "Kulturelle Prozesse im Donbass in den 1960er- und frühen 90er-Jahren" war sie Mitarbeiterin am Lehrstuhl für slawische Geschichte der Fakultät für Geschichte der Staatlichen Universität Donezk. Seit ihrer Habilitation (Thema: "Frauen in der Geschichte der ukrainischen Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts") beschäftigt sie sich immer wieder mit der Rolle von Frauen in historischen Phasen vor allem des 20. Jahrhunderts. Olena Stjaschkina war Professorin am Lehrstuhl für slawische Geschichte an der Nationalen Universität "Vasyl Stus" Donetsk, bis sie ihre Stadt in der Folge der russische Besatzung 2014 verlassen musste. Über Mariupol kam sie schließlich nach Kyjiw, wo sie derzeit lebt und als leitende Forscherin am Institut für Geschichte der Ukraine der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine tätig ist.
Band 1 – Armenien
Susanna Harutyunyan: Raben vor Noah
aus dem Armenischen übersetzt von Susanna Yeghoyan

232 Seiten
Hardcover, Fadenheftung
22,00 Euro
In dem Dorf, versteckt in den armenischen Bergen, gab es keine Kirchtürme, keine Gräber und auch keine Mauern oder Zäune, die einem Menschenleben Grenzen setzten. Die Bewohner huschten hier wie Eidechsen von einem Steinhaufen zum nächsten, besser verborgen als unterirdische Quellen. Niemand wusste von der Existenz dieses Ortes. Sogar die Zeit fürchtete sich davor, ihn zu betreten. Zuwachs brachten dem Dorf nicht die Geburten, sondern die Fahrten Haruths in die Welt. Stets fand er einen Mensch, der vor der Ausweglosigkeit stand: vor dem Gesetz, den Türken, der Ehefrau oder sich selbst. Auch Nachschun brachte er von einer seiner Fahrten mit. Sie trug nicht nur die Erinnerungen an die türkischen Mörderbanden in ihrer Seele, sondern auch die Folgen der Grausamkeiten in ihrem Körper. Doch wird im Dorf Platz sein für das Leben? Und wird die Welt den Menschen hier gestatten, dass sie vergessen werden? Susanna Harutyunyan folgt den Menschen in diesem namenlosen Dorf in der Zeit von 1895 bis 1960. Sie zeigt ein Panorama beschädigter Seelen und spiegelt in den unterschiedlichen Schicksalen die vielfachen Brutalitäten des 20. Jahrhunderts in Europa am Beispiel der Menschen in Armenien.
Susanna Harutyunyan wurde im Jahr 1963 in Karchaghbyur geboren. Sie zählt heute zu den einflussreichsten Schriftstellerinnen in Armenien. Die meisten ihrer Romane und Kurzgeschichten spielen in den Dörfern Armeniens. Ihre Stoffe findet sie vor allem in der jüngeren armenischen Geschichte. Harutyunyan ist Chefredakteurin der armenischen Literaturzeitschrift »Kayaran«.